Hoher Chor

Hoher Chor

In der Mitte des 13. Jahrhunderts, als im französischen Kronland die Kathedrale von Amiens, die gotische Kirche schlechthin, emporwuchs, erreichte der gotische Baustil auch die Mark Meißen, ein „Entwicklungsland“, das außerhalb der etablierten Altlandschaften des Reiches lag, aber binnen weniger Jahrzehnte Anschluss an die westeuropäische Kultur fand. Zwar war das Bistum Meißen – ebenso wie die Bistümer Zeitz und Merseburg – bereits im Jahr 968 gestiftet worden, doch entstanden das bis heute wirksame Siedlungsbild sowie die grundlegenden kulturellen und wirtschaftlichen Strukturen erst infolge der deutschen Kolonisation, die in der Mitte des 12. Jahrhunderts in vollem Umfang einsetzte. Der Chor des Meißner Doms und die dort aufgestellten Bildwerke des Naumburger Meisters markieren einen Aufholprozess, in dem das bis dahin zurückgebliebene Gebiet östlich der Saale zum einen zu den Altlandschaften aufschloss und andererseits selbst zu einem bedeutenden Innovationsraum wurde.

Hoher Chor mit Stifterfiguren

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Schaut man sich die Vorgängerbauten des gotischen Doms zu Meißen an, tritt der Entwicklungssprung, der sich im 13. Jahrhundert vollzog, klar hervor. Der älteste nachweisbare Dom aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, ein kleiner Saalbau mit Apsis von etwa 7 Meter Breite und 12 Meter Länge, wurde um 1130 durch eine romanische Pfeilerbasilika mit Querhaus, Osttürmen an den Enden der Seitenschiffe und einem Turmpaar an der Westfront ersetzt. Grundriss und Ausführung ähnelten der Augustiner-Chorherren-Stiftskirche Unser lieben Frauen in Halberstadt. Auch das romanische Gotteshaus war verhältnismäßig klein, erst recht im Vergleich mit den Domneubauten, die man im frühen 13. Jahrhundert in Magdeburg und Naumburg begonnen hatte. Damit Meißen nicht zurückblieb, war ein Neubau unumgänglich.

Der Überlieferung nach war es Bischof Konrad I. (1240-1258), der den gotischen Dombau veranlasste. Er erwirkte 1249/50 von der päpstlichen Kanzlei drei Ablässe. Die Urkunden erwähnen das Baugeschehen zwar nicht ausdrücklich, doch ist es sehr wahrscheinlich, sie auf die damals angelaufenen Baumaßnahmen zu beziehen, die viel Geld erforderten. Die Bischöfe von Meißen mussten sich die Bauherrschaft mit dem Domkapitel teilen, das im 13. Jahrhundert zu einer rechtlich eigenständigen Einrichtung geworden war, die Urkunden ausstellte, Vermögenswerte verwaltete und seit 1228 den Bischof wählte. Die Bauverwaltung und -finanzierung wurde einer fabrica (Stiftsbaumeisterei) übertragen, die zwar erst 1271 urkundlich bezeugt ist, jedoch schon früher bestanden haben muss. Die Fabrica unterstand dem Domkapitel. 1290 nahm der Domherr Konrad von Boritz als thesaurarius die Aufsicht wahr. Die Leitung hatte ein Magister fabricae inne, der nicht geistlichen Standes war. Ein solcher ist in Meißen zwar erst 1324 nachgewiesen, doch muss es dieses Amt auch schon vorher gegeben haben. Die auf der Baustelle tätigen Bau- und Werkmeister, Steinmetze und Bauhandwerker sind in den überlieferten Urkunden, die überwiegend finanzielle Sachverhalte regeln, weder namentlich noch durch Amtsbezeichnungen überliefert. Ihre Arbeit kann allein durch Baubefunde und den Vergleich mit der Struktur und Größe anderer Bauhütten nachvollzogen werden.

Bauabfolge und Datierung

Der Meißner Dom ist als steinsichtiger Quaderbau konzipiert und wurde in der im 13. Jahrhundert üblichen Schalenbauweise errichtet. Die Außenwände bestehen jeweils aus zwei Mauerschalen, die sich aus horizontal durchlaufenden Steinschichten aufbauen. Da bei der Horizontalbauweise die Lagerfugen innerhalb eines Bauzeitraums ohne Brüche oder Höhenversprünge durchlaufen, ergibt sich für die Bauforschung die Möglichkeit, mit Hilfe des Mauerwerks Bauabschnitte und Bauabfolgen zu identifizieren. Die Ostteile des Meißner Doms sind in zwei zeitlich unmittelbar aufeinander folgenden Bauabschnitten entstanden. Die Bauarbeiten begannen östlich der romanischen Choranlage, die als Gottesdienstort so lange wie möglich stehen bleiben sollte. Damit ging man weit über die ursprüngliche Hangkante des steil zur Elbe abfallenden Geländes hinaus Im abschüssigen und zerklüfteten Bereich des Steilabsturzes mussten zunächst Substruktionen (Unterbauten) errichtet werden, die den Grundriss des aufgehenden Mauerwerks des Chores – einschließlich der ausgestellten Strebepfeiler und des Umgangssystems – vorbereiteten. Die Außenseiten dieser Unterbauten, die bis auf den gewachsenen Felsen hinunterreichen und bis zu 10 Meter unter dem Fußboden des Sanktuariums liegen, wurden massiv aus Sandsteinquadern aufgeführt und die hineinragenden Felspartien sorgsam mit Sandstein umkleidet, da sie durch die Hanglage sichtbar bleiben sollten. Sicher wurden die gewaltigen Substruktionen von West nach Ost in Hangrichtung vorangetrieben, indem man - an den Querhausarmen des romanischen Domes beginnend – das Gründungsbauwerk über den abgesteckten Grund vorbereitete. Dazu verwendete man wahrscheinlich hölzerne Gerüstkonstruktionen, die jeweils an der Kopfseite angebracht waren und von deren Reißbodenebene aus man die Markierung mit Lotschnüren und Sandmarkierungen dann die feinere Absteckung und Abschnürung der komplizierten Grundrissgeometrie des Chorschlusses mit den radial angeordneten Strebepfeilern von der horizontalen Planebene in das stark geneigte Gelände hinab vornahm. Dazu bedurfte es eines versierten Architekten, der sicher Erfahrungen bei der Errichtung ähnlich anspruchsvoller Gründungsbauwerke – eventuell in Amiens oder beim Bau des Magdeburger Doms- gesammelt hatte. Auf die Substruktionen setzte man die ersten Steinlagen des Domchors, aber nur in jenem Bereich, der östlich der Hauptapsis und somit noch außerhalb des romanischen Doms lag. So wuchsen das Chorpolygon, das Stifterjoch, die Ansätze des Sechsteiligen Joches mit der Rückwand des Chorgestühls und die beiden Chorwendelsteine jeweils bis zu einer Höhe von etwa 6,70 Meter über dem Boden des Chores auf (Bauphase Ia).

Bevor man den Chor vollenden konnte, mussten die Ostteile des romanischen Doms abgetragen werden. Nachdem Baufreiheit gewonnen war, wurden die Ostteile des gotischen Doms einheitlich – Steinlage um Steinlage – in Baurichtung von Ost nach West aufgeführt, ohne die einmal festgelegten Bau- und Stilformen zu ändern (Bauphase Ib): Man vervollständigte die angefangenen Chorpartien, ergänzte das Sechsteilige Joch, errichtete die beiden Querhausarme, wölbte die Ostteile ein und führte die unteren Geschosse der beiden Osttürme auf, die sich in Ecklage zwischen Chor und Querhaus erheben. Baueinheitlich mit dem Querhaus entstand der Achteckbau, der sich zwischen dem südlichen Querhausarm und der Außenwand des Langhauses erhebt. Die Errichtung des Achteckbaus wiederum erforderte es, das erste Joch des Südseitenschiffs aufzuführen. Der Bauplan sah damals noch eine gotische Basilika mit niedrigen Seitenschiffen vor. Innen errichtete man die mit dem Mauerwerk des Querhauses verbundenen Vierungspfeiler sowie den Lettner, der den Domchor nach Westen abschließt. Zusammen genommen hatte man ein beträchtliches Bauvolumen zu bewältigen. Die Zahl der Steinquader, die man zu behauen hatte, war mindestens dreimal so groß wie beim Westchor des Naumburger Doms.

Wann der Grundstein in Meißen gelegt wurde, ist weder durch Urkunden noch Bauinschriften überliefert. Besser sieht es mit Überlieferung aus, wenn man das Ende des Bauabschnitts betrachtet. Eine Urkunde vom 13. Juli 1268 mit der Stiftung einer Messe zu Ehren der hl. Margarete belegt, dass der Chor liturgisch nutzbar war. Im folgenden Jahr wies das Domkapitel der schon früher gegründeten Andreasvikarie den Kapellenraum zu, der sich an die Sakristei im Obergeschoss des Südostturmes anschließt. Aber bereits 1266 wurde in der Vierung, westlich vor dem Lettner, der Meißner Bischof Albert II. (1258-1266) beigesetzt. Ohne Zweifel hat es die bauliche Hülle um den Chor mit Lettner und Querhaus damals schon gegeben. Ein so später Baubeginn „um 1260“, wie von Ernst Schubert vorgeschlagen, scheint unter diesen Umständen völlig unglaubhaft. Die Ostteile des Meißner Doms können aufgrund des großen Bauvolumens nicht in sechs Jahren entstanden sein. An anderen vergleichbaren gotischen Bauten hat man für ein solches Bauvolumen ebenfalls mindestens ein Jahrzehnt benötigt! Sicher anzunehmen ist ein Baubeginn  „um 1250“. Auch die Entwicklung des Bauplans fällt in diese Zeit. Schon vor der Errichtung der Substruktionen waren der Grundriss des Chores und wesentliche Elemente der Chorarchitektur festgelegt. Es hat einige Jahre gedauert, die bis auf den Felsen reichenden Unterbauten und die ersten Steinlagen des Domchors aufzuführen. Der Abbruch der Ostteile des romanischen Domes ist etwa in die Mitte der 1250er Jahre zu setzen. Dessen Zeitstellung innerhalb des Bauprozesses ist – ebenso wie ein Wechsel in der Versatztechnik des Steinbaus – durch Baufugen markiert. Dann hatte man etwas mehr als zehn Jahre, um Chor und Querhaus und dem Achteckbau zu vervollständigen. Zu Beginn der zweiten Hälfte der 1260er Jahre müssen die Ostteile des Domchors samt Einwölbung und Verglasungen bereits komplett fertiggestellt gewesen sein.

Das bedeutet aber auch, dass die sieben Bildwerke des Naumburger Meisters – 4 im Hohen Chor und 3 im Achteckbau– zu diesem Zeitpunkt bereits fertiggestellt und gleichzeitig mit dem aufgehenden Quaderwerk versetzt worden sind. Eindeutiger Beweis für diese Datierung sind die eingebleiten Anker an der Rückseite der Figuren. Wegen ihrer ganz knappen Aufstellung vor der Wand – der Abstand zwischen dem Quaderwerk und dem Rücken der Figuren beträgt etwa 2 -3 cm – kommt eine spätere Aufstellung nicht in Frage. Die beengten Verhältnisse am Rücken hätten ein nachträgliches Befestigen der eisernen Anker und Dübel unmöglich gemacht. Auch die Farbfassung reicht nur soweit, wie der  Fassmaler noch um die Figur herumlangen konnte – sie haben also ihre Farbfassung erst erhalten, nachdem sie ihre Aufstellung auf ihren Konsolen vor der Wand erhalten haben. Dargestellt sind – wie schon zuvor in Naumburg – die Stifter. In Meißen sind es das Kaiserpaar Otto I., der Große, und seine Gemahlin Adelheid. Sie haben das Bistum Meißen 968 auf der Synode von Ravenna gegründet. Ihnen gegenüber – an der Südwand – stehen die beiden Patrone des Domes und des Bistums: der Evangelist Johannes mit dem aufgeschlagenen Evangelium; ihm zur Linken der Bischof Donatus, ein Märtyrer und früher Blutzeuge. Für alle 4 Skulpturen findet man bildhauerisch ähnlich konzipierte „Geschwister“ bei den Naumburger Stifterfiguren.

Eine deutliche „Händescheidung“ hingegen findet man hingegen bei den Skulpturen im Achteckbau. Wahrscheinlich wurden die 3 unterschiedlich großen Skulpturen von Mitarbeitern der Werkstatt gearbeitet. Zu beiden Seiten der vor dem mittleren Wandfeld aufgestellten Mutter Gottes stehen ein weihrauchfassschwenkender Engel und Johannes der Täufer. Auch sie waren – wie die Chorfiguren-farbig gefasst. Durch die Öffnung der Kapelle ist jedoch witterungsbedingt ihre Farbigkeit stark verwittert und nur noch fragmentarisch erhalten. Die Gottesmutter von Meißen ist eine der 3 Mariendarstellungen, die zum Naumburger Meister bzw. zum Oeuvre seiner Werkstatt gehören. Heute sehen wir den Achteckbau in der Farbigkeit der zweiten Fassung. Als ursprüngliche Portalvorhalle und Hauptportal des Domes war das zweigeschossige turmartig wirkende Gebäude spätesten 1268 fertiggestellt.

Bevor man den nächsten Bauabschnitt in Angriff nahm, vollzog sich etwa um 1270 ein Planwechsel. Aus der Basilika, mit deren Bau man im Südseitenschiff schon begonnen hatte, wurde – unter Beibehaltung des bereits festgelegten Grundrisses – eine gotische Hallenkirche mit drei gleich hohen Schiffen. Zunächst entstanden zwischen 1270 und 1290 die ersten vier Joche des Nordseitenschiffs, bevor man sich wieder dem angefangenen Südseitenschiff zuwandte. Das erste Joch des Südseitenschiff wurde um 1290 aufgestockt und so dem Hallenplan angepasst, was auch Eingriffe in den Achteckbau erforderte. Die Kapelle im Obergeschoss des turmartigen Bauwerks wurde daher vergleichsweise spät geweiht: 1291 widmete man sie Johannes dem Täufer und den beiden römischen Märtyrern Johannes und Paulus.

Der Chor und seine Nebenräume

Der Chor des Meißner Doms entfaltet sich in drei Räumen: Im Osten erhebt sich das mit einem Fünf-Achtel-Schluss umgebene Chorpolygon. Es folgt ein querrechteckiges, kreuzgewölbtes Zwischenjoch, das nach den Standbildern der Bistumspatrone und -stifter, die sich an den Wänden auf Konsolen erheben, als Stifterjoch bezeichnet wird. Das dann folgende längsrechteckige, sechsteilig gewölbte Hauptjoch ist an den Längswänden mit in die Wandkonstruktion eingetieften Blendbögen und einer ausgekragten Baldachinreihe verziert.

Dieses sogenannte Dorsale ist die steinerne Rückseite des Chorgestühls der Domherren. Das Dorsale ist an der chorseitigen Lettnerwand fortgeführt, die den der Geistlichkeit vorbehaltenen Bezirk begrenzt. Zwischen Stifter- und Hauptjoch sind zwei Wendelsteine eingeschoben, deren Treppen zu einem außen angeordneten Laufgang führen. Die ungegliederten Wandzonen im Stifterjoch waren von Anfang an für die die Aufstellung von Skulpturen gedacht. Erst oberhalb dieser „Bildwände“ setzen die beiden vierbahnigen Fenster an.

Alle Raumteile haben eine liturgische Funktion. Während das Chorpolygon den Hauptaltar der Domkirche aufnimmt, diente das eingeschobene Stifterjoch der Verehrung der Stifter und Bistumspatrone. Zusammen mit dem Hauptjoch, in dem die Domherren und Vikare das tägliche Chorgebet vollzogen, ergab sich ein sehr tiefer, langgestreckter Chorbau. Hinter den Längswänden des Hauptjoches erheben sich die zeitgleich errichteten Osttürme, die sich jedoch – mit Ausnahme kleiner Fensterschlitze – weder zum Chor noch zum Querhaus öffnen, sondern separate Raumeinheiten darstellen. Das Motiv der Osttürme wurde vermutlich als „Erinnerungsgestalt“ vom romanischen Vorgängerbau übernommen.

Eine Besonderheit des Meißner Domchors ist das zweigeschossige Gangsystem, das sich außen um den Chor legt. Die tiefen Strebepfeiler sind so weit ausgestellt, das in zwei Geschossen breite Durchgänge ausgebildet werden konnten. Die erste Umgangsebene liegt etwas tiefer als der Chorfußboden.

Zwischen den Pfeilern sind Arkaden eingezogen, die den unteren Gang begrenzen und die flache, aus Sandsteinplatten gebildete Abdeckung tragen. An der Südseite mündet dieser Gang in eine von Anfang an angelegte Raumerweiterung, die zum Südostturm überleitet. Eine ähnliche Verbindung war wohl auch auf der Nordseite geplant, kam jedoch nie zustande, weil hier die angrenzende Burg der Markgrafen von Meißen die Ausführung behinderte. So fehlt auf der Nordseite ein Stück der Außenwand des Ganges, weshalb die Abdeckung dort auf Konsolen aufgelagert werden musste. Die Erdgeschossräume der beiden Osttürme waren Durchgangszonen, die die Anbindung des unteren Ganges an das Querhaus ermöglichten. Der obere Gang verläuft auf der Abdeckung des unteren Ganges.

Er reicht vom ersten Obergeschoss des Nordostturms bis zu einer heute vermauerten Tür des südlichen Chorwendelsteins. Dieser Wendelstein stellte eine Verbindung zu einem im zweiten Obergeschoss gelegenen Kapellenraum und zum anschließenden Obergeschossraum des Südostturms her. Die Bedeutung und Funktion des Gangsystems war lange umstritten. Edgar Lehmann und Ernst Schubert meinten, der untere Gang sei ein Prozessionsweg zum Umschreiten des Chores gewesen. Dem widerspricht, dass der nicht sehr breite Gang keine Verbindung zum Chor besitzt, wie es bei einem klassischen Chorumgang üblich ist. Eher dürfte es sich um einen internen Kommunikationsweg gehandelt haben. Für die obere Gangebene lässt sich das eindeutig nachweisen. Die Obergeschossräume der beiden Osttürme wurden als Sakristeien genutzt, was sowohl schriftliche Nachrichten als auch bestimmte Einbauten – wie Wandschränke und Ringe zum Aufhängen von liturgischen Gewändern – deutlich zeigen. Die Sakristeiräume hatten ursprünglich keinen Ausgang zur Lettnerbühne. Erreichen konnte man sie nur über den oberen Gang und die beiden Wendelsteine, die sich genau an der östlichen Begrenzung des Chorgestühls erheben. Das von Turm zu Turm laufende Gangsystem verband die Sakristeien auch untereinander. Während der Chorgebete konnten in den beiden Sakristeien so Vorbereitungen für weitere Messen getroffen werden, ohne dass man die liturgischen Handlungen im Chor stören musste. Dass eine Domkirche zwei Sakristeien hat, die zudem in Turmobergeschossen liegen, ist selten. Da es in den Ostteilen des Meißner Doms aber keine anderen Räume gab, die als Sakristeien hätten dienen können, und die schriftliche Überlieferung einen eindeutigen Befund liefert, ist an der Nutzung der Turmobergeschossräume nicht zu zweifeln.

Der obere Laufgang ist offen; er bildete den ersten größeren horizontalen Absatz bei der Herstellung des aufgehenden Chormauerwerks. Nicht zuletzt deshalb war er sicher auch konstruktiv gewollt für das leichtere Aufführen der Gerüste am Chorpolygon und die bessere Organisation der Bauprozesse am steil abfallenden Osthang.

Die Unterschiede zwischen Nord- und Südseite, die vor allem im Umgangsystem zutage treten, ergaben sich aus der baulichen Situation auf dem Burgberg. Im Norden war der Bauplatz durch die Burg der Markgrafen von Meißen begrenzt. Der nördliche Querhausarm musste deshalb um einen Meter schmaler ausfallen; die Ausbildung eines Maßwerkfensters war nicht möglich. Im Süden, wo mehr Platz war, konnte man einerseits ein großes Querhausfenster ausbilden, andererseits zwischen Gangsystem und Südostturm eine Erweiterung einschalten, mit der man im Obergeschoss eine zusätzliche Kapelle gewann. Diese wurde 1269 dem heiligen Andreas geweiht. Ende des 13. Jahrhunderts wurde der Gang auf der Südseite des Chores in einen Kreuzgangflügel umfunktioniert.

Die Bewertung der Chorarchitektur des 13. Jahrhunderts wird dadurch erschwert, dass der gotische Domchor kaum von außen betrachtet werden kann. Zum einen ist er an den Hang des steil abfallenden Burgbergs gesetzt, was ein Umschreiten unmöglich macht, zum anderen ringsum von Anbauten umgeben. Anstelle der alten Markgrafenburg entstand ab 1471 ein ebenfalls an den Hang gerücktes spätgotisches Schloss, das 1676 den Namen „Albrechtsburg“ erhielt. Zusammen mit dem Südflügel des Schlosses wurde durch den Baumeister Arnold von Westfalen nach 1470 die Neue Sakristei errichtet, die die Nordseite von Chorpolygon und Stifterjoch verdeckt. Der Umgang wurde an dieser Stelle abgetragen. Bereits um 1290 hatte man südöstlich des Chorhaupts die Allerheiligenkapelle errichtet, die als Kapitelsaal diente. An die Allerheiligenkapelle gliedert sich das 1489 erbaute spätgotische Kapitelhaus an, das sich vor die Ostseite des Chores legt. Um 1490 wurde der Kreuzgang auf der Südseite des Domchors vollendet. Heute hat man nur vom Kreuzgang und vom recht engen Kreuzgarten aus die Möglichkeit, einen Blick auf die äußere Architektur des gotischen Domchors zu erlangen.. Die einzige Stelle, an der der Chor mit seinen bis auf den Felsen reichenden Unterbauten und der Umgangszone noch – wie ursprünglich geplant – freisteht, ist das nordöstliche Segment des Chorpolygons. Die aufstrebende Gestalt des Meißner Domchors nimmt man nur wahr, wenn man das Bauwerk betritt und den Raum auf sich wirken lässt. Der Meißner Ostchor ist – bei vergleichbarer Höhe – schmaler als der Naumburger Westchor und zudem dreimal so lang wie breit. Er wirkt dadurch unglaublich schlank und hoch. Hinzu kommt das weitgehende Aufbrechen der Wände. Im Chorpolygon setzen die Fenster relativ weit unten an, sie nehmen die gesamte Breite des Wandfelds zwischen den Dienstbündeln ein und reichen bis zur Gewölbekappe – anders als in Naumburg oder Schulpforta, wo neben den Maßwerkfenstern breite Wandflächen geblieben sind. Hinzu kommt, dass durch die Anordnung der Fensterverglasung knapp hinter der Innenkante der Füllmauern die Polygonwände eine unglaubliche Zartheit und Fragilität erhalten. Die unteren Wandzonen, die im Chorpolygon bis zu einer Höhe von 4,25 Metern reichen, sind ungegliedert. Im Stifterjoch staffelt sich diese fensterlose Zone nach oben. Bedingt durch die Anbringung der Stifterfiguren und der Titularheiligen des Bistums beginnen die Fenster auf einer Höhe von 7,67 Meter. Das von einem sechsteiligen Gewölbe überfangene Hauptjoch hingegen hat keine Fensteröffnungen. Die Längswände gliedern sich in zwei Wandfelder, die durch einen einfachen Dienst geteilt werden. Dieser setzt über dem baueinheitlich mit der Chorwand entstandenen Dorsale an. Die Raumeinheiten sind durch Dienstbündel voneinander getrennt; auf diesen Diensten ruhen die Schildbögen, Gurtbögen und Rippen des Gewölbes. Die Kapitelle liegen alle auf einer Ebene, deren Höhe von der Spannweite der Gurtbögen und Rippen bestimmt wird. Durch die Einheitlichkeit in der Betonung der Jochgrenzen und der Kapitellausbildung ergibt sich ein klarer Raumeindruck. Diese Klarheit der gotischen Architektur wird durch die radikale Schmucklosigkeit der fensterlosen Wandzonen unterstrichen. Der Meißner Domchor hat weder einen inneren Mauerlaufgang, wie er in Naumburg und Schulpforta ausgebildet ist, noch aufwendige Wandgliederungen, etwa Wandschränke, Nischen und dergleichen, wie sie im Chor der Klosterkirche in Schulpforta die untere Wandzone schmücken. Die kleine Sakramentsnische im Meißner Chorpolygon fällt kaum auf; das große Sakramentshaus an der Nordseite wurde erst um 1480/90 in die Chorwand eingefügt und um 1505/10 mit einer turmartigen Bekrönung versehen.

Ein bestimmendes Element der Chorarchitektur ist die Lichtführung. Das Licht fällt durch die weit geöffneten, vergleichsweise tief ansetzenden Fenster des Chorpolygons hinein und erhellt auch das Stifterjoch mit seinen halbhohen Fenstern, während das Hauptjoch in einem gewissen Dunkel liegt. Oder umgekehrt betrachtet: Die Lichtfülle nimmt nach Osten hin, zum Altar, immer mehr zu. Der Raum gliedert sich in Lichtzonen, was die Tiefenwirkung des Chorraums verstärkt. Mit der Lichtführung korrespondiert die bewusst eingesetzte Architekturfarbigkeit. Die Wände waren nicht farbig gefasst, sondern – bis zum ersten Anstrich 1771 – immer steinsichtig. Allerdings unterscheidet sich der im Innenraum verwendete Sandstein, gebrochen bei Grillenburg und Niederschöna im Tharandter Wald, durch seine natürliche Steinfarbe. Die Farben der einzelnen Steinquader changieren von hellgelb über grau- bis gelbbraun. Je nach Lichteinfall wirken sie eher heller oder dunkler. Auch die Dienste und Kapitelle waren ungefasst. Beim Dorsale beschränkte sich die Architekturfassung auf sparsame hellrote Begleitstriche der Arkaden. Innerhalb der Baldachine waren die Grate der Gewölbe in gleicher Farbe betont. Die hellrote Farbigkeit wiederholte sich in der Gewölbezone. Während die Kappen weiß gestrichen waren, trugen die Rippen einen roten Anstrich aus Eisenoxid-Pigmenten. Hinzu kamen aufgemalte dunkelrote Fugen, die jedoch nicht dem tatsächlichen Fugenverlauf folgten, sondern eine idealisierte Gliederung vorgaben. Im Stifterjoch trugen die Rippen einen ockergelben Anstrich mit dunkelroter Fugengliederung. Damit war dieser Bereich, der nicht dem Chorgebet, sondern der Verehrung der Stifter diente, deutlich hervorgehoben und besonders ausgezeichnet. An der höchsten Stelle des Chorgewölbes leuchten die drei Schlusssteine. Ihr Blattwerk wurde vergoldet, während der Fond zinnoberrot gehalten ist. Die hier beschriebene Farbigkeit wurde 1994 bis 1997 wiederhergestellt, so dass der ursprüngliche Raumeindruck heute wieder erlebbar ist. Der Meißner Domchor hat mit dem Naumburger Westchor und dem Chor der Klosterkirche Schulpforta die Grundform des einschiffigen Saalchors und die Raumbildung aus additiv aneinandergefügten quadratischen oder rechteckigen Jochen gemein. Zudem sind in allen drei Chören die Fenster ohne profilierte Gewände in die innere Wandschale geschnitten.

Ansonsten treten jedoch deutliche Unterschiede zutage. Der Naumburger Westchor ist sehr breit und behäbig, er wird durch den inneren Laufgang und die Stifterfiguren horizontal in zwei Wandzonen geteilt. Die Maßwerkfenster sind nach dem Vorbild von Kathedrale von Reims zweigeteilt und mit gedrückten Spitzbögen versehen, über denen ein Kreis mit innenliegender Rosette bzw. Vierpass angeordnet ist. Die untere Wandzone ist ungegliedert, was der Meißner Lösung entspricht. Der 1251 begonnene Chor in Schulpforta ist deutlich schlanker, das Maßwerk moderner. Man trifft hier wie in der Chorscheitelkapelle der Kathedrale von Amiens auf zweibahnige Fenster, die von drei übereinander gestapelten Dreipässen bekrönt sind. Anders als in Amiens füllen die Fenster jedoch nicht das gesamte Wandfeld aus, sondern sind von schmalen Mauerzonen umgeben. Ein auffallendes Merkmal ist die schmuckreiche Innengliederung. Die ungegliederten Wandzonen, wie sie in Naumburg und Meißen auftreten, wollte man vermeiden, indem Wandschränke und Nischen mit spitzen Bedachungen ausgebildet wurden. Selbst die Dienste bereicherte man durch die Ausbildung von Schaftringen und durch die Verkröpfung des Gesimses, welches die innere Laufgangebene betont. In Meißen fehlen diese horizontalen Elemente. Der Chor hat eine ausgeprägte Vertikaltendenz, die auch dadurch unterstrichen wird, dass die Standbilder des Naumburger Meisters vor der Wand stehen und nicht wie in Naumburg die Dienste unterbrechen. Dem Schmuckreichtum des Chors in Schulpforta steht in Meißen eine zurückhaltende, fast schon nüchterne Behandlung der Wandzonen gegenüber. In der Aufbrechung der Wände und den schlanken Proportionen gleicht der Domchor der Chorscheitelkapelle in Amiens, die nach 1220 ausgeführt wurde. Aber das französische Muster wurde nicht 1:1 kopiert. So finden wir im Meißner Chorpolygon nicht etwa das schlichte Maßwerk aus Amiens, sondern dreibahnige Fenster mit komplizierten Maßwerkbekrönungen. Die Bahnen werden von Kleeblattbögen in der Gestalt von Lilien bekrönt, über denen weitere drei Reihen von Kleeblattbögen folgen. Sie sind versetzt angeordnet, so dass sich ein teppichartiges Muster ergibt, welches vom Fensterbogen angeschnitten wird. Die vierbahnigen Fenster im Stifterjoch sind mit einer gitterförmigen Fensterbekrönung versehen. Beide Muster sind in Frankreich des 13. Jahrhunderts nicht nachzuweisen. Maßwerke aus übereinandergestapelten Bogenformen oder aus sich überschneidenden Linien findet man in der englischen Gotik des Decorated Style, doch stammen die ältesten Belege auf den britischen Inseln erst aus dem frühen 14. Jahrhunderts. In der deutschen Gotik gibt es diese Maßwerkmuster nicht – abgesehen von mehreren Maßwerkfenstern im Zisterzienserinnenkloster Marienstern bei Kamenz, die offenkundig nach dem Meißner Vorbild gestaltet wurden. Die im Meißner Chorscheitelfenster ausgeführte Glasmalerei unterstreicht die Einzigartigkeit dieser Fensterkonzeption: der Aufstieg von der materiellen zur immateriellen Welt kommt in dem durch breite, farbige Fensterbahnen in überirdisches Licht getauchten Chorraum überdeutlich zum Ausdruck und unterstreicht die heilsbringende Botschaft, die von diesem Ort ausgeht. Das zeugt nicht nur von einem herausragenden Auftraggeber, sondern auch von einem kongenialen Glasmaler im Gefolge der Meißner Dombauhütte.

„Unfranzösisch“ ist auch die Behandlung der fensterlosen Wandzonen. In Amiens oder Saint-Germain-en-Laye sind die unteren Wandzonen und die fensterlos gebliebenen oberen Wandfelder immer mit einer vorgeblendeten Architekturgliederung versehen, etwa mit Arkaden oder Blendmaßwerken, während man sich in Meißen mit der nüchternen, ungegliederten Wand begnügte. Man muss lange suchen, um in der Ile-de-France ähnliche Gestaltungen zu finden. Ein Beispiel ist der Chor der Stadtkirche Notre-Dame in Chambly (Oise), der nach 1250 ausgeführt wurde. Wie in Meißen ist die untere Wandzone glatt und schmucklos, und wie in Meißen ist eine deutliche Betonung der vertikalen Architekturglieder zu beobachten, während horizontale Elemente fehlen.

Um es zusammenzufassen: Der Meißner Domchor nimmt die modernsten Architekturformen auf, die sich im französischen Kronland vor der Mitte des 13. Jahrhundert herausgebildet hatten, darunter die schlanke, aufstrebende Raumbildung, das weitgehende Aufbrechen der Wände und die ausgefeilte Lichtinszenierung. Er unterscheidet sich damit vom Naumburger Westchor, der eine ältere Entwicklungsstufe gotischer Architektur repräsentiert. Gleichzeitig wiederholt er Elemente, die bereits in Naumburg angelegt sind, etwa das Einschneiden der Fenster ins Mauerwerk ohne Profilausbildung oder den Verzicht auf eine Architekturgliederung der fensterlosen Wandzonen. Hinzu kommen Merkmale, die in Meißen neu geprägt wurden. So gestaltete man einen aufstrebenden Raum von großer Einfachheit. Im Grunde genommen setzt er sich aus nur drei Bestandteilen zusammen: den weit geöffneten Maßwerkfenstern, den glatten, schmucklosen Wandflächen und den vertikalen Dienstbündeln, die die Jochgrenzen betonen. Die Reduktion des aus Frankreich übernommenen hochgotischen Formenapparats auf ein klares, einfaches Grundgerüst ist die wohl bedeutendste Leistung der Baumeister, die den Meißner Domchor gestalteten. Neben der klaren, geradlinigen Einfachheit, die den überzeugenden Raumeindruck begründet, ist die Experimentierfreude hervorzuheben, die vor allem in den Maßwerkfenstern und dem äußeren Laufgang mit den beiden kleinen Treppentürmen zum Ausdruck kommt.

Die Restaurierung des Hohen Chors und seiner Ausstattung nahm einen langen Zeitraum in Anspruch. Noch unter Leitung von Dombaumeister Otto Baer wurde bereits 1991 mit der Wiederherstellung der mittelalterlichen Farbigkeit begonnen, indem die zunächst die älteren Kalk- und Silikatfassungen durch die Restauratoren abgenommen wurden. Die Rippen im Chorpolygon und im Sechsteiligen Joch erhielten wieder eine eisenoxidrote Fassung mit dunkelroten Fugen. Im Stifterjoch wurden die Rippen nach Befund ockergelb gefaßt. Mit der farbigen Gestaltung der Schlußsteine und der weiß abgesetzten Kappen war die Restaurierung des Gewölbes abgeschlossen. Die freigelegten Dienste und Wände im Chorpolygon und im Stifterjoch erhielten 1992 eine steinfarbene Lasur, durch die jedoch sehr stark der in Resten auf dem Stein verbliebene Kalkanstrich älterer Fassungen “mitsprach”. Zu einer konsequenten Wiederherstellung der steinsichtigen Oberflächen konnte man sich damals noch nicht entschließen und das Ergebnis war unbefriedigend. Die Wandflächen im Sechsteiligen Joch wurden mit einem weißen Kalkanstrich abgedeckt. Ausgehend von der Überlieferung, daß die Schildwände des Sechsteiligen Joches einst mittelalterliche Wandmalereien trugen, wurde dieser Bereich besonders sorgfältig untersucht und freigelegt. Es waren jedoch keine Spuren von Wandmalereien zu erkennen.

Gleichzeitig mit den Arbeiten an den Innenwänden erfolgte die Restaurierung der Chorverglasung. Das Chorachsfenster, dessen Restaurierung Ende der 1980er Jahre abgeschlossen werden konnte, wurde dabei zunächst ausgelassen. Wesentlich intensiver waren die Reparaturen an den 1883 und 1911 eingefügten Blank- und Ornamentverglasungen. Neben dem Kleben von Sprüngen, dem Löten, Stabilisieren und Ergänzen des Bleinetzes mußten auch Scheiben ersetzt werden. Um die neuen Gläser hinsichtlich ihrer Lichtdurchlässigkeit dem Erscheinungsbild der Verglasung von 1911 anzupassen, wurden korrodierte Scheiben vom Dom zu Halle eingebaut. Die in den Maßwerken platzierten Reste der mittelalterlichen Farbverglasung wurden aufwendig restauriert und mit isothermischen Schutzverglasungen versehen. Um deren äußeres Bild besser der kleinteiligen Umgebung anzupassen und um störende Reflexionsflächen zu minimieren erhielten diese glasteilende Bleiruten. Das Fenster nIII erhielt eine außen vorgesetzte Schutzverglasung vor Steinschlag aus 8mm starken Acrylglas.

Nach der Restaurierung von Querhaus und Langhausjoch seit 1993, die verbunden war mit einer konsequenten und durchgehenden Abnahme aller neuzeitlichen Farbschichten, mußte der Chor nochmals eingerüstet werden, um auch hier eine ähnliche Qualität der Erscheinung der Steinoberflächen zu erreichen. Die Farbschichten der verbliebenen Wandbereiche wurden 1996-97 abgenommen. Trotzdem war das Abnehmen der Farben vom Steinwerk restauratorisch schon eine sehr diffizile Aufgabe und eine Gratwanderung zugleich, die zumindest in den Wandpartien mit den Bildprogrammen fragwürdig wurde und nicht angewendet werden durfte. So lag der Gedanke nahe, sich wenigstens hier modernster Technologien zu bedienen: Bereits im 17.Jh. -also vor dem Auftragen der ersten Kalktünchen- müssen die Wandmalereien allerdings nur noch sehr fragmentarisch erhalten gewesen sein. Beim Anstrich des Domes 1771/ 1772 und bei der Restaurierung 1910 wurden sie ohne Rücksichtnahme überstrichen. Ihre Konturierung war aber durch die dicke Silikatschicht hinweg noch deutlich festzustellen: die so überfaßten Wandpartien waren einen ganzen Tonwert dunkler als die übrigen Wandflächen. In diesen Zonen sollte zur Abtragung der die Wandmalereien abdeckenden Kalkschichten Lasertechnik eingesetzt werden. Durch das Fraunhofer Institut für Werkstoff- und Strahltechnik und unter restauratorischer Begleitung durch die Meißner Domwerkstatt wurden im Herbst 1997 entsprechende Freilegungsuntersuchungen mit einem Nd: YAG-Laser NL 102 vorgenommen. Dabei handelte es sich um ein transportables Gerät, bei dem der Laserstrahl durch einen Gelenkarm für den Bedienenden frei beweglich ist. Die Laserbearbeitung konnte direkt an den großen Wandflächen und stationären Objekten durchgeführt werden.

Das Ergebnis des probeweisen Lasereinsatzes war für alle Beteiligten überraschend: Die Oberfläche III -die verschmutzten und grau bis graugrün wirkenden silikatischen Oberflächen- stellten eine hoch absorbierende Deckschicht dar, die den für den Abtrag ausreichenden Anteil der Laserenergie aufnahm und mit einem Arbeitsgang bereits die Oberfläche der reflektierenden und zunächst als Grundmaterial angenommenen Schicht erreichen ließ. Durch die Durchfestigung der Schichten mit Kaliwasserglas beim Aufbringen des Silikatanstriches von 1910 wurden dabei jedoch die Fassungen III und II gleichzeitig entfernt.

Die Oberfläche der zuvor beschriebenen und als Grundmaterial angenommenen Kalkschicht -es handelt sich dabei um die der Fassung I (1771)- war jedoch so stark reflektierend, daß ein weiterer Abtrag mit wesentlich höheren Energiequanten erforderlich gewesen wäre. Da sich jedoch durch den "Rückstoß" der Dampf- oder Plasmawolke die oberflächlich angeschmolzenen Pigmente der Secco-Malereien mit lösen könnten, was letztendlich zu einem Zerstören der Wandmalereifragmente geführt hätte, mußte an dieser Stelle die lasergestützte Freilegung beendet werden. Eine subtile restauratorische Freilegung von Hand kann von dieser Stelle aus jederzeit weitergeführt werden. Die übrigen Bereiche jedoch werden mit Lasuren steinfarb abgedeckt oder beruhigt. Sie verharren nun in diesem Zustand bis die technische Entwicklung eine Weiterführung der Arbeiten zuläßt.

In einem letzten großen Bauabschnitt konnten die kostbaren Bildwerke des Hohen Chores sowie der Lettner und die steinerne Rückwand des Chorgestühls restauriert werden. Die Arbeiten am Lettner begannen 1999 an der zum Langhaus weisenden Schauseite. An Lettnerwand, Brüstung und den seitlichen Gewölbefeldern wurde die mittelalterliche Farbfassung schrittweise freigelegt. Vorausgegangen waren genaue Untersuchungen zur Baugeschichte des Lettners. Der Zustand der Brüstung erforderte steinkonservatorische Arbeiten, einschließlich der Vernadelung statischer Risse an der nördlchen Erweiterung, der Befestigung von Steinen mittels Dübeln und Schließung von Fehlstellen durch Antragsmörtel. Besonders problematisch gestaltete sich die Abnahme der stark verglasten und versinterten Silikatfarben an den Innenseiten der Brüstung. An der Rückseite des Lettners, ausgerichtet zum Hohen Chor, wurden die Arbeiten erst 2002 abgeschlossen.

Aufwendig war die Konservierung des Dorsales, der steinernen Architektur hinter dem Chorgestühl. Die Steinoberflächen waren durch bauphysikalische Prozesse entfestigt und teilweise zerstört. Mit der beginnenden Austrocknung der Chornordwand konnte im Herbst 2001 mit der Restaurierung begonnen werden. Voraussetzung waren die genauen Kenntnisse der Schadensmechanismen, der Einbau einer Heizung im Innenhof nördlich des Hohen Chores und die konsequente Schließung der Südtür, wobei Letzteres die Neuorganisation des Ablaufes der Domführungen zur Folge hatte. Nach der Festigung und Sicherung des Bestandes wurde mit der Abnahme der Fassungspakete, zunächst mechanisch trocken später behutsam unter sparsamsten Wassereinsatz begonnen. Die restauratorische Behandlung der freigelegten mittelalterlichen Steinoberflächen und der nun zutage tretenden Gipsergänzungen von 1910 erfolgte nach dem bereits am Lettner angewandten Schema. Besondere Probleme bereitete hier die Steinfreilegung im Hauptschadensbereich der Arkaden 1 bis 6 an der Nordwand, wo durch den Einsatz von Mikrostrahlgeräten und Luftabsaugungen nicht nur höchste Anforderungen an die Restauratoren gestellt wurde, sondern wo die dabei entstehende Geräuschkulisse und die trotz aller Umsicht nicht zu vermeidenden Staubaustritte die Geduld der Domführer und –besucher mitunter auf das Äußerste strapazierte.

Abschließend folgte vom Frühjahr bis in den Spätherbst 2002 hinein die Restaurierung des spätgotischen Chorgestühls von 1524. Letztmalig 1912 instandgesetzt, waren im Laufe der Zeit nicht nur einzelne Zierteile der Wangen oder Miserikordien abgebrochen. Da das Gestühl anläßlich von Konzerten oder bei Gottesdiensten benutzt wird, ist es einer erheblichen Abnutzung ausgesetzt. Aber auch Kondensfeuchte in den Kontaktzonen zum Stein hin führte zu Fäulnisschäden und Anobienbefall. Einige der breiten Eichenhozdielen waren durchgebrochen und unsachgemäß durch Kiefernbretter ersetzt worden. Statische Probleme hatten zu einer Verformung sowohl des unteren Tragrahmens als auch des großen Gesimsbalkens mit den Armstützen zwischen den Stallen geführt, so daß das gesamte Chorgestühl vorsichtig auseinander genommen werden mußte. Die Statik des Rahmens wurde an der Unterseite durch deutlich erkennbar belassene zusätzliche Unterstützungen wiederhergestellt, die Dielung denkmals- und werkgerecht ergänzt. Die abgängigen Teile wurden alle wieder angebracht, Fehlstellen am Bestand geschlossen und alle Beschläge wieder gangbar gemacht. Durch Restauratoren wurden die Arbeiten begleitet, Befunde dokumentiert und Holzergänzungen farblich durch Beizen eingestimmt.

Die vier Bildwerke der ”Naumburger Werkstatt” im Stifterjoch wurden bereits 1989/90 auf ihre Farbfassungen untersucht. Reinigungsproben ergaben, daß sich die über der letzten nachmittelalterlichen Ölfassung liegende Verschmutzung mit Radierstiften relativ leicht abnehmen ließ. Die vier Skulpturen wurden zwischen 2000 und 2002 in sorgfältiger Arbeit gereinigt. Dabei waren auch Retuschen und Ergänzungen auszuführen, beispielsweise an der Hand des Bischofs Donatus. Durch die Reinigung ist die kräftige farbige Erscheinung der Bildwerke wieder erlebbar.

Für den Zustand der Stifterfiguren nicht unproblematisch war die Anordnung eines ca. 2 m2 großen und mit Gitterrosten abgedeckten Schachtes im Domfußboden, der als Ausblasöffnung einer inzwischen stillgelegten Warmluftheizung diente. Trotz Abdecken mit Fußbodenbelag konnte hier ständig feuchtwarme Luft aus dem Heizkanal aufsteigen. Die Öffnung wurde konsequent mit einer Stahlbeton- Fertigteildecke verschlossen und die Fläche mit neu hergestellten, dem neogotischen Schmuckfußboden nachgefertigten Bodenfliesen aus Feinsteinzeug ergänzt.

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