Langhaus und Westturmfront

Langhaus und Westturmfront

Das Langhaus

Die baulichen Strukturen des Kirchenschiffes hatte man schon früh festgelegt. An das ausladende Querhaus sollte sich ein dreischiffiges Langhaus mit niedrigen Seitenschiffen und einem erhöhten Mittelschiff anschließen. Nach diesem Plan wurde bis 1270 das Querhaus aufgeführt, gemeinsam mit den Osttürmen und dem Achteckbau. Gegenüber dem lichterfüllten Chor fallen die geschlossenen Wände des Querhauses auf. Diese Gestaltung war von der räumlichen Situation abhängig. Der nördliche Querhausarm schließt sich an die Burg der Meißner Markgrafen an, die heutige Albrechtsburg. Nur nach Süden konnte man ein großes Maßwerkfenster ausbilden, das wieder ganz eigenartige Formen zeigt. Großartig ist der Querhausgiebel. In der zweischichtigen Giebelwand öffnen sich schlanke Arkaden, seitlich wachsen steinerne Turmspitzen auf.

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Das Langhaus besteht aus drei Schiffen mit jeweils sieben Jochen. Den rechteckigen Jochen des Mittelschiffs sind in den Seitenschiffen annähernd quadratische Joche zugeordnet. Das hochgotische Grundrißsystem leitet sich von französischen Vorbildern ab. Vorgesehen war ein basilikaler Aufbau mit niedrigen Seitenschiffen. Bis 1270 hat man bereits Teile dieser Basilika errichtet. Das “basilikale Joch” im Südseitenschiff ist ein Überrest dieser ersten Planung. Dort kann man den geplanten Wandaufbau ablesen. Das “basilikale Joch” ist fensterlos, weil sich außen der Achteckbau anschließt. Über dem niedrigen Gewölbe war ein schräges Pultdach vorgesehen. Man hatte auch schon Teile des Obergadens errichtet. Eine geschlossene Wandzone sollte das Pultdach verdeckt, darüber war ein relativ niedriges Obergadenfenster vorgesehen. Eine Basilika mit den gedrückten Proportionen des Meißner Doms, mit der geringen Arkadenhöhe, erscheint dunkel und eng. Wahrscheinlich entschied man sich daher für eine Änderung des Bauplans.

Die Baumeister, die um 1270 nach Meißen kamen, beschlossen eine weitreichende Abwandlung des alten Konzepts. Eine aufstrebende Halle mit gleich hohen Schiffen sollte gebaut werden. Das “basilikale Joch” wurde vorerst unverändert gelassen, während man im Nordseitenschiff die bestehenden Ansätze der Basilika abbrach. Dort führte man vier Joche der neuen Hallenkirche auf. Grundriß und Pfeilerstruktur der älteren Planung wurden einfach beibehalten, die Seitenschiffjoche reichten aber nun bis zur Höhe des Mittelschiffs. Damit mußte eine veränderte Fassadenstruktur entwickelt werden. Der namentlich nicht bekannte Architekt übertrug den Aufriß des lichtdurchfluteten Hohen Chores auf das Langhaus. Aufstrebende Fenster öffnen sich über die gesamte Höhe, sie reichen von Dienst zu Dienst, von der Fensterbank bis zur Gewölbekappe. Geschlossene Wandzonen hat man nur im unteren Wandbereich belassen. Damit ist die Mauermasse deutlich reduziert. Nur noch die tragenden Glieder, die Dienste und Pfeiler bestehen aus Stein. Durch die weiten Fenster dringt das Licht ins Innere des Meißner Domes, es bringt die goldgelben bis hellbraunen Sandsteinquader zum Leuchten. Die Pfeiler und Dienstbündel gewinnen mit den verschatteten Kehlen eine starke plastische Wirkung.

Die Halle des Meißner Doms wird von den mächtigen Pfeilern geprägt. Dem rechteckigen Pfeilerkern sind einzelne Dienste vorgelegt. Die Seitenflächen aber sind weitgehend ungegliedert. Während die Dienste in Kapitellen enden, gehen die glatten Seitenflächen der Pfeiler bruchlos in die Arkade über. Es entsteht ein monumentaler, unprofilierter Bogen, der in seiner vertikalen Struktur den aufstrebenden Raumeindruck der Halle unterstützt. Trotz der geringen Höhe des Kirchenschiffes von nur 18 Metern erscheint der Raum sehr hoch. Die Hallenpfeiler stehen sehr eng beieinander. Blickt man von Osten oder Westen in das Mittelschiff, bilden diese Pfeilermassive eine scheinbar durchgehende Wand, die kaum Blicke in die Seitenschiffe freiläßt. Das von Westen nach Osten ausgerichtete Mittelschiff dominiert den Raum. Die kräftigen, tief ansetzenden Mittelschiff-Gurtbögen bewirken dagegen eine Querteilung. Auch das von den Seiten einfallende Licht weicht die axiale Ausrichtung auf. Die abgeschirmten Seitenschiffe wirken wie eine zweite, begleitende Raumschicht. Die Seitenschiffjoche erscheinen noch schlanker als die Mittelschiffjoche, da die Raumbreite hier um die Hälfte reduziert ist. In den Seitenschiffen hat man auf massive Gurtbögen verzichtet, so daß ein langes zusammenhängendes Gewölbeband den Raum überzieht.

Die Hallenkonzeption erinnert an die Elisabethkirche in Marburg und die Zisterzienser-Klosterkirche in Haina. Wahrscheinlich kamen die Baumeister unmittelbar aus Hessen. In den vier östlichen Jochen des Nordseitenschiffs ist der hessische Einfluß an vielen Baudetails erkennbar. Dazu gehören die achteckigen Sockel der Pfeiler, die Blattmasken, die außen die Fensterbögen verzieren, vielleicht auch das Fenstermaßwerk, das man in ähnlicher Form am Westbau der Elisabethkirche in Marburg finden kann, das aber auch direkt auf französische Vorbilder der Zeit um 1260 zurückzuführen ist. Ein Marburger Baumotiv ist sicher der schmale Umgang, der außen vor den hohen Fensterbahnen des Nordseitenschiffs entlangläuft und die Strebepfeiler durchzieht.

Bei der Ausbildung der Gewölbe des Meißner Langhauses hat man das hessische Hallenkonzept jedoch entscheidend weiter entwickelt. An die Stelle der “gestelzten” Seitenschiffgewölbe in Marburg oder Haina, die alle auf einer Raumhöhe beginnen, treten natürlich geformte Gewölbebögen, die auch unterschiedliche Raumbreiten berücksichtigen. Die Kreuzrippengewölbe der schmalen Seitenschiffe beginnen auf einer deutlich höheren Ebene als die tief in den Raum schneidenden Gewölbe des Mittelschiffs. Die Schlußsteine wiederum schließen auf einheitlicher Höhe den Hallenraum ab.

Im 14. Jahrhundert wurde am Meißner Dom schrittweise weitergebaut. Am Hallenkonzept hielt man weiterhin fest. Nur an den Baudetails, an Sockeln und Kapitellen, an Maßwerkfenstern und Schlußsteinen, lassen sich die Wandlungen der Stilformen verfolgen. Die unbeirrte Fortsetzung der Bauarbeiten ist nur zu bewundern. Heute ist es unvorstellbar, daß mehrere Generationen an einem Bauwerk arbeiten, ohne die Vollendung zu erleben.

In den Jahren zwischen 1310 und 1320 entstanden die Joche 2 bis 4 im Südseitenschiff mit dem Südportal. Das “basilikale Joch” wurde nicht abgerissen, sondern in die Hallenkirche integriert, indem man auf das niedrige Gewölbe noch ein Obergeschoß aufsetzte. Der so entstandene Raum wirkt wie eine Empore. In dieser Bauphase wurden einige Bauformen an das veränderte Stilempfinden angepaßt, beispielsweise die Profile der Pfeiler oder auch die Blattformen an den Kapitellen. Für die Zeit nach 1320 läßt sich folgendes Bild des Langhauses rekonstruieren: Bis hinter das vierte Joch von Osten waren die Außenwände bereits errichtet. Im Mittelschiff standen die ersten vier Pfeilerpaare, während die Pfeiler der fünften Achse noch fehlten. Nur die ersten drei Langhausjoche besaßen ein Gewölbe. Das Gelände des vierten Joches konnte nicht überbaut werden. An dieser Stelle erhob sich der Westbau des romanischen Domes mit dem Hochgrab des Bischofs Benno.

Die historischen Quellen weisen darauf hin, daß in der Zeit um 1320 mit dem Bau der Westturmanlage begonnen wurde. Vorerst errichtete man nur das erste Geschoß des Nordwestturmes. Die Grundform der Meißner Westturmfront orientiert sich am Turmmassiv des Magdeburger Doms aus dem 13. Jahrhundert. Zwei geschlossene Turmblöcke umschließen eine mittlere Halle, die das Mittelschiff des Langhauses nach Westen verlängert. Prägend für die Meißner Westturmanlage sind die Lisenen, mit denen die geschlossene Turmwand untergliedert wird. Angesichts der modernen Bauformen des Hohen Chores und der Hallenkirche überrascht die konservative Turmgestaltung, denn man hätte durchaus eine aufgelöste, filigrane Turmfassade wie am Straßburger Münster errichten können. Möglicherweise hat man bewußt auf die veraltete blockhafte Turmgestaltung zurückgegriffen. Diese konservative Lösungen kann man immerhin auch bei anderen Turmbauten im Meißner Land finden. Modern ist die Ausbildung der Lisenen. Die profilierten Wandvorlagen umrahmen zusammen mit den Gesimsen große, wohl proportionierte Rechteckfelder. Diese ausgewogene Gliederung schwächt die blockhafte Ausstrahlung des Turmmassiv und bildet zugleich mit dem Mauerwerk eine aufeinander abgestimmte Einheit.

Nachdem ein Teil des Nordwestturmes aufgeführt worden war, wandte man sich wieder dem Langhaus zu. In schneller Folge führte man nun die Joche 5 und 6 an beiden Langhausseiten zusammen mit den zugehörigen Pfeiler auf. In den Jahren nach 1340 konnte man die diesen Bereich schon liturgisch nutzen. Zur Vollendung des Hallenbaus fehlten nun nur noch die oberen Wandzonen des 7. Joches und die Gewölbe im gesamten westlichen Langhaus.

Im Bauabschnitt nach 1360 wurden die Arbeiten an der Westturmanlage weitergeführt. Gegenüber dem bestehenden nördlichen Turmblock errichtete man den Südwestturm. Die beiden Kapellen im Inneren der Türme erhielten um 1370 ihre Gewölbe. Mit der Überschneidung der Profile von Schildbögen und Rippen werden bereits spätgotische Bauformen sichtbar. Diese Motive gehen vielleicht auf Einflüsse aus Prag und damit auf das Umfeld des Prager Dombaumeisters Peter Parler zurück. An mehreren Bereichen des Meißner Domes, die dem ausgehenden 14. Jahrhundert entstammen, lassen sich Formen der Bauhütte Peter Parlers erkennen. Die Kapelle im Südwestturm erlebte mehrere Veränderungen. Ursprünglich war der Raum mit einer hohen Bogenöffnung an das Südseitenschiff angeschlossen. Um 1400 hat man jedoch einen unteren Raum abgeteilt und damit eine Zwischendecke eingezogen. Eine spätgotische Treppenanlage, verziert mit einem filigranen Torbogen und einer Maßwerkbrüstung, führt in den oberen Kapellenraum.

Nach der Fertigstellung der beiden Turmkapellen konnte sich die Bauleute um 1370 dem zweiten Geschoß der Westturmanlage zuwenden. Die Lisenengliederung des unteren Turmblocks wurde weitergeführt. Die rechteckigen Rahmen erhielten jedoch ein kleinteiliges Blendmaßwerk als oberen Abschluß. Eindrucksvolle Maßwerkmuster beleben die Turmfassaden. In einen Spitzbogen wurden Kreissegmente eingeschrieben, die dazwischenliegenden Flächen sind mit Fischblasen und Paßformen gefüllt. Diese Maßwerkmuster gehen auf die Prager Dombauhütte zurück. Die Flügelmauern der Westturmanlage bereiteten eine Verbindung des Langhauses mit westlichen Turmmassiv vor. Die noch verbliebene Lücke wurde nun geschlossen. Im 7. Joch des Nordseitenschiffs baute man eine kleine Empore ein, die wohl als Orgelempore genutzt werden sollte. Um 1380/90 erhielt das westliche Langhaus in einem Zuge seine Gewölbe. Mit den einfachen Kreuzrippengewölben wurde das System des 13. Jahrhunderts fortgesetzt. Den Bauabschnitten folgend hatte man auch das Langhausdach fertiggestellt. Es sah im 14. Jahrhundert allerdings anders aus als heute. Nur das Mittelschiff besaß ein längs gerichtetes Satteldach. Über den einzelnen Seitenschiffjochen ragten Querdächer mit Giebeln auf. Die Giebel betonten die jochweise Gliederung der Langhausfassaden, zugleich bildete sich eine belebt Dachlandschaft.

Im ausgehenden 14. Jahrhundert konnten die Bauarbeiten am Langhaus abgeschlossen werden. Nach 150 Jahren war ein gewaltiges Bauwerk entstanden. Über dem lichterfüllten Chor, über der weiten Halle ragte der Südostturm in das umgebende Land. Im Jahr 1401 vollzog Bischof Thimo von Colditz die Schlußweihe des Meißner Doms.

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